Sie befinden sich hier

Inhalt

28.08.2020 12:04

Doppelkrise im Gaza-Streifen

Die aktuellen Entwicklungen im Gaza-Streifen sind höchst alarmierend. Israel hat den schmalen Küstenstreifen und die palästinensische Bevölkerung seit 14 Jahren abgeriegelt. Unterdessen breitet sich das Coronavirus unter der Bevölkerung weiter aus. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) warnte jetzt vor einer „Doppelkrise“. Denn die palästinensische Bevölkerung hat zudem mit einem akuten Strommangel zu kämpfen.


Die Bevölkerung von Gaza hat schrecklich zu leiden“, sagte Ignacio Casares Garcia, der Leiter der Gaza-Delegation des IKRK. „Die Menschen sind sehr gestresst: Sie kommen nicht nur mit den vier Stunden Strom am Tag kaum zurecht, sondern ihre Sorgen um die Ausbreitung des Virus haben sich enorm verschärft und sie sind jetzt im lockdown.“

Bis jetzt wurden 117 Infizierte mit dem Coronavirus registriert. Weitere 26 Fälle in der Bevölkerung von Gaza sind jetzt hinzugekommen. Seit März d. J. wurden 192 mit dem Coronavirus Infizierte im Gaza-Streifen gezählt. Alle anderen Erkrankungen wurden bei Palästinensern entdeckt, die über die Grenzübergänge Erez oder Rafah in den Gaza-Streifen einreisten (37 Infizierte). Drei Palästinenser des Gaza-Streifens sind bereits an Covid-19 verstorben, zwei davon in den vergangenen beiden Tagen. Seit März müssen alle Palästinenser, die in den Gaza-Streifen zurückkehren, sich in Quarantäne begeben, von denen es insgesamt 16 gibt. Einige Quarantäneeinrichtungen können auch zu Behandlungszentren erweitert werden. Aktuell befinden sich 2.269 Palästinenser in Quarantäne.

Zunächst konnte die Ausbreitung der Pandemie durch strikte Quarantäne-Maßnahmen verhindert werden, die jedoch nur bis zu dieser Woche gut funktioniert haben. Am Montag wurden die ersten Fälle von Infizierten außerhalb der Quarantäne-Einrichtungen bekanntgegeben. „Das Gesundheitssystem im Gaza-Streifen wäre nicht in der Lage, mehr als ein paar Dutzend Infizierte Corona-Patienten zu behandeln,“ sagte Garcia. „Die Behandlung von COVID-19-Patienten benötigt medizinische Geräte und Laborausrüstung sowie spezielle Hilfsmittel und Medikamente, die in Krankenhäusern und Gesundheitszentren nicht in ausreichenden Mengen verfügbar sind.“

Er sagte, dass von seiner Seite alles getan wird, um „die Bevölkerung im Gaza-Streifen bei der Bekämpfung des Virus zu unterstützen“ und betonte, dass die internationale Unterstützung jetzt sehr wichtig sei.

Auch das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte (PCHR) warnte vor einem Zusammenbruch durch das Zusammentreffen mehrere Faktoren, wie der 14-jährigen Abriegelung durch die israelischen Behörden, der in dieser Woche gestiegenen Fallzahlen von Corona-Infizierten und den damit verbundenen katastrophalen Folgen für die palästinensische Bevölkerung. Allein die Abriegelung ist eine „unmenschliche und illegale Kollektivbestrafung“, die zu einer bedrohlichen Verschlechterung der ohnehin schon desaströsen Grundversorgung von mind. zwei Millionen Menschen führt. Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt zu gravierenden Entwicklungen. Die Menschen im Gaza-Streifen erleben eine neue und beispiellose Phase, die alle Aspekte ihres Lebens betreffen und die bereits schlechten humanitären Bedingungen weiter verschärfen wird.  Auch das PCHR rief die Internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. Diese müsse sicherstellen, dass die Grundbedürfnisse im Gaza-Streifen gewährleistet werden, um eine weitere Verschlechterung der Lage zu verhindern. Israel müsse mit Druck gezwungen werden, ihre Politik der Kollektivbestrafung der palästinensischen Bevölkerung einzustellen und die ungerechtfertigte Abriegelung des Gaza-Streifens zu beenden, so das PCHR. Als Besatzungsmacht ist Israel gem. Art. 55 der Genfer Konvention (1949) verpflichtet, die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen und die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung zu berücksichtigen.

Gestern tagte ein Dringlichkeitskomitee zur Ausbreitung des Coronavirus. Präsident Mahmoud Abbas erörterte mit dem Premier, Ministern des Kabinetts und Leitern der Sicherheitskräfte und Gouvernements Palästinas Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Premier Mohammad Shtayyeh und Gesundheitsminister Mai Al-Kaileh legten Berichte zur epidemiologischen Situation in Palästina vor. Zusätzlich zu strengeren Maßnahmen betreffend die Hygiene, Abstandsregelungen und Vermeidung von Menschenansammlungen wurde auch bekanntgegeben, dass eine Ministerdelegation in den Gaza-Streifen entsandt werden soll, um die Pandemie eindämmen zu helfen und die erforderliche Hilfe zu koordinieren.

Kontextspalte