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18.06.2021 12:15

Zeitzeugnisse palästinensischer Studenten und Wissenschaftler über den Alltag unter israelischer Besatzung

Elf Tage des unerbittlichen Bombardements, der Zerstörungen und Gewalt liegen hinter der palästinensischen Bevölkerung im abgeriegelten Gaza-Streifen. Zum Ziel der israelischen Angriffe wurden auch Schulen, Bildungsinstitute und Universitäten. Wie gehen Studierende und Lehrkräfte mit den Folgen der israelischen Angriffe um? Und wie ist die Situation des Bildungswesens in einer schwierigen Zeit, die weit von jeder Normalität entfernt ist.


Die NGO Scientists4Palestine (S4P) hat Zeitzeugnisse palästinensischer Studenten, Akademiker und Ärzte zusammengetragen, die von ihren Erfahrungen berichten und ihr Leben unter israelischer Besatzung schildern.

Suhail Matar, Doktorand der Psychologie an der New-York-Universität
„Zwischen 2004 und 2011 besuchte ich das Technion (in meiner Stadt Haifa). Während dieser Zeit führte Israel drei Kriege: 2006 den Krieg gegen den Libanon, 2008/9 den Krieg gegen Gaza und 2010 die Angriffe auf die Flottille in Richtung Gaza. Währen der Kriege habe ich an vielen Protesten vor den Uni-Toren teilgenommen. Wir waren normalerweise so 150 Studenten, die ihre Unterstützung für Gaza erklärten und die israelische Aggression verurteilten. Jedes Mal gab es auf der anderen Straßenseite einen zehnmal größeren Protest: riesige israelische Fahnen, wütende Zionisten, die auf und ab sprangen und riefen „Tot den Arabern! Tod den Arabern“!“ Unsere Proteste wurden zu 100% übertönt. Der blinde Hass in ihren Augen hätte wahrscheinlich den Campus in Bewegung setzen können.

Die Leute waren nicht zur zufällig da. Da war zum Beispiel mein Professur für Physikalische Chemie. Er erschien zu Vorlesungen in voller Siedlermontur. (…) Oh ja, er wusste, dass ich Palästinenser war. Wir mussten dann zurück in die Hörsäle und buchstäblich mit Leuten zusammensitzen, die (zuvor) unseren Tod gefordert hatten. Sie schlagen Disziplinarmaßnahmen vor? Hahahaha. (…) Wir saßen neben Scharfschützen und Piloten, den Menschen, die unser Volk in Gaza und im Libanon getötet haben. Bei Technion hatten wir „Glück“, dass es nicht weiter so ging. Andere Unis sind politisch viel aktiver und palästinensische Studenten werden routinemäßig schikaniert, angegriffen, verhaftet, rausgeschmissen, nur weil sie eine Flagge hissen oder sagen, dass sie Palästinenser sind. (…)“


Saher A. Alreqeb, Absolvent des Mechatronik-Ingenieurwesens und Assistent an der Al-Azhar-Universität in Gaza

„Wie Martin Luther King Jr. einmal sagte: „Ich habe einen Traum“, auch die Palästinenser haben ihn. (…) Ein ganzes Buch würde nicht ausreichen, um die Schwierigkeiten zu beschreiben, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir im Ausland studieren möchten. So kommen mir die Gedanken in den Sinn, wie ich die zwei kältesten Nächte meines Lebens außerhalb der palästinensisch-ägyptischen Grenze verbracht habe.

Schon als Kind hatte ich eine Leidenschaft für Robotik, obwohl ich sie nur in Sci-Fi-Kindersendungen gesehen hatte. Nach einiger Überlegung entschied ich mich für das Studium der Mechatronik (…). Bald jedoch wurden die Hürden sehr klar, als ich mein durch die Universität erworbenes Wissen in eigene Projekte fließen lassen wollte. Ich werde nur auf einiges eingehen.

(…) Online-Shopping war unmöglich, da die meisten elektronischen Geräte und Komponenten von israelischer Seite nicht in den Gaza-Streifen dürfen. Sie öffneten und inspizierten jedes Paket, das in den Gaza-Streifen soll. Die israelische Regierung erlaubt es den Universitäten nicht, so wie jede andere normale Bildungseinrichtung, Maschinen und Geräte zur Ausbildung von Studenten zu importieren. (…) Momentan arbeite ich als Assistent an meiner Uni und gebe mein Bestes, mein erworbenes Wissen mit anderen zu teilen. Dieses Jahr harter Arbeit wurde jedoch durch die israelischen Luftangriffe und den Krieg gegen Gaza unterbrochen. Ich habe einen Traum, meinen Master in Robotik in Großbritannien fertigzustellen und etwas Eigenes auf dem Gebiet der Robotik zu machen! Damit mein Leben, meine Arbeit und meine Träume zurückkehren und um weiterzumachen, warte ich darauf, dass die Gewalt endet.“


Sara Taha Shaker Albhaisi, Lehrerin an der Save the Children Foundation Palestine (PSCF)

„(…) Ich habe 2012 Chemie an der Al-Azhar-Universität in Gaza studiert. Danach habe ich mein Studium (MA in Nanotechnologie) an der Al-Azhar-Universität 2015 abgeschlossen. Meine Forschungsarbeiten wurden in internationalen Zeitungen veröffentlicht.

Als ich mein Bachelorstudium beendete und das erste Jahr meines Masters begann, begann auch der Krieg in 2012, der acht Tage dauerte. Als ich 2014 mit den chemischen Proben für meine Masterarbeit begann, begann die israelische Besatzung einen weiteren Krieg mit so vielen Verbrechen gegen Gaza. Dieser Krieg dauerte 51 Tage. Der Krieg hat alles gestoppt.

Als der Krieg zu Ende war, beendete ich meine Forschungen. Jetzt, im Jahr 2021 hat ein neuer Krieg begonnen und er dauert noch an, die vielen Verbrechen der israelischen Besatzung. Die Zerstörung ist schlimmer als in jedem anderen Krieg. Ich musste meine Arbeit vorübergehend einstellen und diese ständige Besatzung verursacht bei mir viele Albträume. Aber ich habe nicht aufgegeben, all das zu tun, was ich tun möchte, insb. Forschung und meine Promotion.“

Israa Atta Abu Elaish, Architekturstudentin an der Universität von Palästina in Gaza

„(…) Ich habe viele Träume und besonders liebe ich das Zeichnen und die Kunst. Ich hoffe, eines Tages eine der besten Architektinnen der Welt und eine berühmte Künstlerin zu sein. Ich möchte so gerne helfen, meine Stadt wieder aufzubauen und die palästinensische Kultur wiederzubeleben. Aber die Gefahr, mein Leben ohne Vorwarnung zu verlieren, gibt mir das Gefühl, dass ich diese Träume nie verwirklichen werde. Es fühlt sich an, als würde ich in einer Stadt leben, in der Träume zerstört werden.“

Noor Zaki Al-Kilani, Architekturstudentin an der Universität von Palästina in Gaza

„(…) Am 10. Mai begannen die aggressiven Angriffe auf Gaza. Diese Angriffe fühlten sich anders und aggressiver als in der Vergangenheit an. Sie zielten auf unsere Straßen und Infrastruktur mit Kommunikation und Elektrizität ab. Dieses Semester ist mein letztes. Während ich mich auf meine abschließenden Masterstudien konzentrieren sollte, was eigentlich im August sein sollte, hat mich der Tod so vieler Menschen und Kinder so stark mitgenommen, dass es schwer ist zu arbeiten.“

Majd AbuAlrub, AIP im Krankenhaus von Jenin und Dozent bei Clinikeys

„Mit wenigen Worten die Auswirkungen der israelischen Besatzung zu beschreiben, ist schwer. Es ist verheerend, im Schatten dieses Monsters zu arbeiten. Fast vier Jahre lang habe ich in unseren palästinensischen Laboren geforscht, doch die israelische Besatzung hat im Grunde nach alle unsere Ressourcen und den Zugang zur Laborausrüstung eingeschränkt. Sie haben jedoch nicht die Seele der Revolution in jedem Palästinenser gestoppt.

Ich war der jüngste Wissenschaftler in der palästinensischen Neurowissenschaftsinitiative. Trotzdem konnte ich mich dort mit jedem Kollegen austauschen. Sie alle haben Tag und Nacht gearbeitet, um den höchsten Forschungsstandards gerecht zu werden. (…) Aber die Arbeit unter all diesen Einschränkungen ist nichts im Vergleich zu den psychologischen Auswirkungen, die die Besatzung hervorruft.

Ich lebe in Abudis, einer kleinen Stadt in der Nähe Jerusalems. Ich kann das Tränengas riechen, während ich diese Zeilen schreibe. Jedes Wochenende dringen die israelischen Truppen regelmäßig mit Tränengas und Schallbomben in das Dorf ein. Weil ich die Geräusche der israelischen Truppen höre, wache ich fast jede Woche gegen zwei Uhr morgens auf. (…) Erst gestern war ich im Krankenwagen, um einen 81-jährigen Patienten in ein größeres Krankenhaus zu verlegen. Der Krankenwagen wurde von Steinen der Siedler getroffen und mehrmals von israelischen Truppen angehalten.

Die israelische Besatzung versucht seit 70 Jahren unsere Bildung und Forschung einzuschränken und uns am Aufbau unseres Landes zu hindern. Doch wir Palästinenser leben noch. Und wir werden diese Botschaft in jeden Winkel dieser Erde senden bis wir die Freiheit erlangt haben. Wir werden der ganzen Welt beweisen, welche Art von Wissenschaftlern und Ärzten wir sind, die der Menschheit helfen können!“


S4P ist eine internationale Organisation und wurde von WissenschaftlerInnen zur Förderung der Wissenschaft in den besetzten palästinensischen Gebieten gegründet. Begleitet von palästinensischen WissenschaftlerInnen und in Kooperation mit internationalen Netzwerken sollen Projekte in Forschung und Bildung als auch Unternehmertun in Palästina gestärkt und gefördert werden.

Mehr erfahren Sie auf der Seite von S4P.


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