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30.06.2021 13:32

OCHA: Bericht zur Situation nach den israelischen Angriffen (18.-24. Juni)

Im Mai kam es zu schweren Angriffen auf den Gaza-Streifen. Seit dem Waffenstillstand am 21. Mai veröffentlicht OCHA regelmäßig Berichte zur Situation der palästinensischen Bevölkerung unter Einbeziehung der Lage in der besetzten Westbank und Ost-Jerusalem.

Foto: Mohamed Hinnawi, UNRWA

Besonders im abgeriegelten Gaza-Streifen sind die Zerstörungen an Wohn- und Infrastruktur immens. Die Menschen sind schwer traumatisiert und kämpfen mit den Folgen dieser Angriffe und neuen Einschränkungen. Auch in der besetzten Westbank und in Ost-Jerusalem geht die Gewalt weiter: Die palästinensischen Familien in Sheikh Jarrah sind unverändert von Zwangsräumungen und –vertreibung bedroht. Proteste gegen den israelischen Siedlungsbau und die Besatzungspolitik werden von israelischen Truppen niedergeknüppelt, Palästinenser verhaftet und ihre Häuser zerstört.

Gaza-Streifen: 113.000 Menschen auf der Flucht während der israelischen Angriffe
Nach Angaben des Büros des Hohen Kommissars für Menschenrechte (OHCHR) wurden bei den Angriffen auf den Gaza-Streifen 260 Palästinenser getötet, darunter sind 66 Kinder und 41 Frauen. Mindestens 2.200 Palästinenser wurden verletzt, darunter 685 Kinder und 480 Frauen, einige werden eine langfristige Behinderung davontragen.

Auf dem Höhepunkt der israelischen Angriffe suchten 113.000 vertriebene Palästinenser Schutz und Zuflucht in UNRWA-Schulen oder bei anderen Familien, die sie aufnahmen. Aktuell gibt es immer noch 8.400 Vertriebene, die nicht in ihre zerstörten Häuser zurückkehren können und über keine Mittel zur Anmietung neuer Wohnungen verfügen. Unter ihnen sind auch 247 Palästinenser in zwei UNRWA-Schulen. Lokale Behörden geben an, dass rund 1.770 Wohnungen zerstört oder stark beschädigt wurden, 25.620 Wohnungen wurden teilweise beschädigt, darunter sind auch Wasser- und Sanitäranlagen sowie die Infrastruktur, 179 staatliche Schulen und 33 Gesundheitseinrichtungen.

Obwohl die meisten Stromleitungen und –netze repariert werden konnten, verfügt der Gaza-Streifen nur über etwa 12h Strom am Tag. Immer noch sind Leitungen unterbrochen und dem Kraftwerk mangelt es an Brennstoff, der vollständig über ägyptische Importe eingeführt werden muss.

Am 23. Juni haben die israelischen Behörden einige Beschränkungen gelockert, etwa was die Ausreise von verletzten Palästinensern betrifft, deren lebensrettende Behandlungen in Gaza nicht möglich sind. Doch für die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung bleibt die Ausreise seit der von Israel verhängten Blockade des Gaza-Streifens vor 14 Jahren bestehen. Erst am 21. Juni durften einige begrenzte Agrarrohstoffe und Textilien aus dem Gaza-Streifen für die besetzte Westbank exportiert werden. Der Export von Waren nach Israel bleibt verboten. Mit dem 24. Juni mussten Landwirte aufgrund neuer israelischer Auflagen den Export von Tomaten aus dem Gaza-Streifen einstellen.

Nach Angaben von OCHA besteht ein dringender Bedarf an psychosozialen Angeboten für Kinder und Familien, einschließlich nicht-struktureller Freizeitangebote und finanzielle Hilfen über Gutscheine. Eine der telefonischen Hotlines für Hilfen hat im Juni allein 22.582 Anrufe erhalten. Besonders Kinder, Jugendliche und Vertriebene innerhalb des Gaza-Streifens benötigen ebenfalls dringend Schutz und Aufklärung über das Erkennen von explosiven Gefahrstoffen aufgrund der Trümmer und Munition. Im Berichtszeitraum führte UNMAS bereits eine Kampfmittelbeseitigung und etwa 330 Aufklärungsveranstaltungen zum Thema Kampfmittelgefahren durch.

Westbank und Ost-Jerusalem erlebt anhaltende Gewalt durch Siedler und Besatzungstruppen
Im Zeitraum vom 18. bis 24. Juni 2021 kam es in der besetzten Westbank und in Ost-Jerusalem zu Protesten gegen den israelischen Siedlungsbau und die israelische Besatzungspolitik, die von israelischen Soldaten mit Absperrungen und Gewalt unterdrückt wurden. Mindestens 430 Palästinenser, darunter 144 Kinder wurden dabei verletzt. Die Mehrheit der Opfer stammt aus der Ortschaft Beita bei Nablus. Sie protestierten gegen eine neue israelische Siedlung auf ihrem Land.

Am 21. Juni nahmen hunderte israelische Siedler an Märschen in der besetzten Westbank teil. In Salfit entwurzelten und zerstörten sie Bäume und ein Bewässerungssystem. Zu Siedlergewalt kam es auch in Al-Tawani und Hebron. Die Siedler griffen die palästinensische Bevölkerung mit Steinen an und verletzten zwei Frauen. Unter ihnen ist eine 73-jährige gehbehinderte Frau. Zudem wurden 300 dunum palästinensischen Landes planiert und mindestens 15 Olivenbäume in Nilin, Ramallah in Brand gesetzt und zerstört. Im genannten Zeitraum verhafteten die israelischen Besatzungssoldaten 39 Palästinenser, darunter auch drei Kinder in Ost-Jerusalem.

Nach Angaben von OCHA leisteten Partner weiterhin Rechtsbeistand für verhaftete palästinensische Kinder. Zudem gab es Angebote für psychosoziale Unterstützungen, aber auch im Bereich Bildung und Sport für rund 760 Kinder. In Salfit und Hebron gab es für 71 Kinder ein Angebot für psychosoziale Hilfe in Form eines Rehabilitationsprogramms.

Palästinensische Familien in Sheikh Jarrah unverändert von Zwangsräumung und Vertreibung bedroht
Palästinensischen Familien droht unverändert die Zwangsräumung und Vertreibung durch israelische Behörden aufgrund von Gerichtsverfahren, die israelische Siedlerorganisationen eingeleitet haben. Am 02. August wird es eine Anhörung für vier betroffene Familien vor dem Obersten Gerichtshof in Israel geben.

Seit dem 03. Mai sind alle fünf Zufahrten zu Karm Al Jaouni in Sheikh Jarrah von israelischen Truppen abgeriegelt. Es dürfen nur israelische Siedler, medizinisches Personal, UN-Vertreter, palästinensische Bewohner und  Journalisten passieren. Nach Angaben der Gemeinde wurde israelischen Siedlern der Zugang ohne Ausweiskontrollen von den israelischen Truppen gestattet.

Im Zeitraum des Berichtes kam es zu Siedlergewalt. Diese attackierten die palästinensischen Bewohner mit Steinen, mit Pfefferspray und Medienberichten zufolge waren die Siedler einen Molotow-Cocktail. Die israelischen Truppen setzten Tränengas, Schallbomben, Gummigeschosse und Stinkwasser gegen die ansässige palästinensische Bevölkerung ein. Es wurden 20 Palästinenser verletzt und drei verhaftet. Bei einem der Siedlerangriffe attackierte ein Siedler vier palästinensische Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren mit Pfefferspray. Sie mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die israelischen Truppen nahmen nach diesem Angriff (nicht den Siedler), sondern zwei Palästinenser, darunter ein Kind fest.

Zahlen zur Covid-19-Pandemie
Am 24. Juni lag die Zahl der bestätigten Infektionen in Westbank und Gaza-Streifen bei 2.985 im Vergleich zur Vorwoche, in der sie bei 3.584 lagen. Seit Beginn des Pandemieausbruchs haben sich 335.000 der 341.856 Erkrankten erholt. Insgesamt sind 3.823 Palästinenser an oder mit dem Corona-Virus verstorben. Der Anteil der Todesfälle unter den bestätigten Infizierten liegt unverändert bei 1,1%.

Die besetzte Westbank verzeichnet einen Rückgang der Infizierten und damit verbundenen Todesfälle. Bis zum 17. Juni konnten 460.000 Palästinenser geimpft werden. Darunter sind 110.000 Palästinenser, die in Israel arbeiten und von israelischen Behörden geimpft wurden. In Palästina werden vor allem die Vakzine von Moderna, Sputnik, Biontech/Pfizer und Astrazenika verimpft.

Dieser Bericht und frühere Dokumentationen von OCHA können hier eingesehen werden.

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