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29.04.2015 14:23

Yarmouk: Palästinensische Flüchtlinge erneut auf der Flucht

Das Flüchtlingslager Yarmouk wurde bereits im Jahr 1957 gegründet. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr palästinensische Flüchtlinge in das Lager - ohne Hoffnung auf baldige Rückkehr.

Einige Jahre nach der Gründung wurde das Zeltlager nach und nach durch feste Häuser ersetzt und somit zu einem festen Stadtteil der syrischen Hauptstadt Damaskus. 

Bereits während der syrischen bewaffneten Auseinandersetzungen kam es in  Yarmouk zu Kämpfen zwischen verschiedenen islamistischen Gruppierungen und dem Regime. Im Jahr 2013 wurde das Viertel hermetisch von der syrischen Armee abgeriegelt. Infolge dessen flohen viele Palästinenser aus dem Lager wurden erneut zu Flüchtlingen. Seit dieser Zeit befindet sich Yarmouk in einem Belagerungszustand, unter dem die zurückgebliebene Bevölkerung, die nicht rechtzeitig fliehen konnte, leidet. Die Menschen werden Opfer der Kämpfe zwischen den verfeindeten Parteien. Sie erleiden Hunger, Tod und Zerstörung. 

Einst lebten in dem Lager ungefähr 160.000 Menschen, darunter 150.000 palästinensische Flüchtlinge. Als die Islamisten Anfang April diesen Jahres in das Flüchtlingslager stürmten, hielten sich dort noch 18.000 Menschen, darunter 3.500 Kinder auf. Für den IS besitzt das Flüchtlingslager eine strategisch wichtige Position. Das Zentrum von Damaskus ist lediglich sechs Kilometer entfernt und ist somit in Angriffsreichweite des IS.

Erst der Einmarsch des Islamischen Staates verschaffte dem Lager jedoch die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Seit nahezu März 2015 wird in dem Flüchtlingslager ununterbrochen und unerbittlich gekämpft. Die Zivilisten haben keine Möglichkeit zu fliehen oder an die lebensnotwendigsten Güter zu gelangen. 

Kein Gebäude in dem Flüchtlingslager blieb von den anhaltenden Kämpfen verschont. Das Lager ist nahezu vollständig zerstört, sodass die Menschen keine Möglichkeit haben in ihre Häuser zurückzukehren. Alles, was sie nicht retten konnten, ist zerstört und verloren. Zwar steht Yarmouk, so wie alle palästinensischen Flüchtlingslager, unter der Kontrolle der Vereinten Nationen, doch Hilfe für die Flüchtlinge ist kaum in Aussicht, da das Viertel abgeriegelt ist und die Hoheit des Gebietes syrisches Staatsgebiet ist. 

Stimmen zu Yarmouk:


Presseerklärung der PLO

In einer Pressemitteilung appellierte die PLO daran, dass das Blut des palästinensischen Volkes nicht weiter vergossen werden dürfe. Das Leiden und weitere Zerstörungen sind zu verhindern.  In der Erklärung heißt es weiter: „Die Palästinensische Befreiungsorganisation bestätigt ihre feste Haltung, dass sie es ablehnt, in den andauernden Konflikt in Syrien mit hineingezogen zu werden.“ Auch werde die PLO nicht „Teil des andauernden bewaffneten Konfliktes im Flüchtlingslager Yarmouk.“

Die PLO bestätigte zudem, dass sie alles daran setze, jedwede Form von aggressiven und bewaffneten Aktionen zu stoppen. Dies geschehe in Zusammenarbeit mit allen Interessensgruppen, insbesondere der UNRWA und allen Parteien, die ein gemeinsames Interesse daran haben, das Lager Yarmouk nicht weiter in Zerstörung und Leid hineinzuziehen. 

Ban Ki-moon: Yarmouk ist die tiefste Hölle

„Der syrische Krieg hat bereits vor langer Zeit die Grenze überschritten, das Chaos mit Worten beschreiben zu können. Nun haben die Kämpfe einen neuen Tiefpunkt erreicht. In dem Horror der Syrien heißt, ist das Flüchtlingslager Yarmouk die tiefste Hölle. Nach mehr als zwei Jahren der erbarmungslosen Belagerung, werden nun 18.000 palästinensische Flüchtlinge und Syrer als Geiseln des IS und anderen extremistischen Militanten gehalten. Ein Flüchtlingslager beginnt einem Todeslager zu gleichen. Die Bewohner von Yarmouk - einschließlich 3.500 Kinder - werden in menschliche Schutzschilde verwandelt.

Die humanitäre Katastrophe in Yarmouk gleicht einem ethischen Test, der von der internationalen Gemeinschaft gelöst werden muss.

Es ist Zeit für eine konzentrierte Aktion, um Leben zu retten und ein Maß an Menschlichkeit wiederherzustellen. Wir können nicht einfach daneben stehen und zusehen, wie sich ein Massaker entfaltet. Die Menschen von Yarmouk dürfen nicht aufgegeben werden."

Dr. Riyad Mansour: Rettung der Flüchtlinge hat oberste Priorität

Am Montag hatte bereits Dr. Riyad Mansour, Palästina-Beobachter bei den Vereinten Nationen den UN-Sicherheitsrat aufgefordert, einen sicheren Korridor für die palästinensischen Flüchtlinge zu schaffen. Er rief alle Staaten dazu auf, einen sicheren Ort für die Flüchtlinge aus Yarmouk anzubieten. Die Rettung der Flüchtlinge aus Yarmouk habe oberste Priorität für die palästinensische Regierung, so Mansour.

Dr. Ashrawi: "Die aktuelle Situation im Flüchtlingslager Yarmouk ist eine herzzerreißende Katastrophe"

"Die aktuelle Situation im Flüchtlingslager Yarmouk ist eine herzzerreißende Katastrophe. Seit Dezember 2012 wurden zehntausende Männer, Frauen und Kinder, von denen die meisten palästinensische Flüchtlinge sind, gezwungen, zu fliehen. Ihre Leben wurden durch den Krieg auseinandergerissen. Die 18.000 Bewohner, die in Yarmouk verbleiben, sind in großer Gefahr durch extremistische Gruppen, einschließlich des Da’ish (ISIS/ISIL/Der Islamische Staat). Diese versuchen, die komplette Kontrolle über das Lager zu erreichen.

Es besteht für alle Staaten dringender Handlungsbedarf, unverzüglich zu intervenieren und zusammenzuarbeiten, um Katastrophenhilfe zu leisten und dem Blutvergießen und Verlust von unschuldigen Leben im Flüchtlingslager Yarmouk ein Ende zu bereiten.

Wir rufen alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, insbesondere die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten dazu auf, die unschuldigen Menschen in Yarmouk zu schützen und einen dauerhaften Waffenstillstand aller Parteien zu gewährleisten.

Die tragischen Umstände in Yarmouk sind gleichzeitig eine wichtige Mahnung, dass die palästinensische Flüchtlingsfrage gelöst werden muss. Palästinensische Flüchtlinge haben bereits viel zu lange gelitten und es ist höchste Zeit, dass ihre Notlage von der internationalen Gemeinschaft anerkannt und diese in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht und Konventionen, einschließlich der Resolution 194 der Generalversammlung der Vereinten Nationen und der Genfer Konfession von 1951 in Bezug auf den Status als Flüchtlinge beendet wird.“

Dr. Saeb Erekat: Die Zeit rennt uns davon

In einer Erklärung rief auch Dr. Saeb Erekat zum sofortigen Handeln auf: "Die Verfolgung und Abschlachtung der palästinensischen Flüchtlinge wird fortgesetzt in einem Konflikt, der nicht ihrer ist. Seit vier Jahren nun ist Yarmouk das Opfer des internen syrischen Konfliktes und das obwohl wir an unserer langjährigen Position der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten festhalten. Berichte von Entführungen, Enthauptungen und Massenmorden erreichen uns aus Yarmouk", so Erekat. 

"Wir rufen die Vereinten Nationen und alle beteiligten Organisationen, einschließlich dem IKRK und der syrischen Regierung auf, sofort alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Zivilisten zu evakuieren. Die Zeit rennt uns davon. Seit mehr als 700 Tagen ist das Lager unter Belagerung und hat mindestens 200 Todesopfer, die an Hunger gestorben sind, gefordert. 

"Diese humanitäre Katastrophe erinnert uns ein weiteres Mal an die Notwendigkeit, das unveräußerliche Recht auf Rückkehr für alle palästinensischen Flüchtlinge im Einklang mit dem Völkerrecht und den einschlägigen UN-Resolutionen zu verwirklichen. In der Zwischenzeit entwickelt sich die Tragödie in Yarmouk als Beweis für das kollektive menschliche Versagen des Schutzes der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten," so Dr. Erekat abschließend.

Amnesty International Bericht über Yarmouk von 2014

Das Leben aus Yarmouk quetschen. Kriegsverbrechen gegen belagerte Zivilisten

„Drei Jahre nachdem öffentliche Proteste eine brutale Antwort der syrischen Autoritäten hervorgerufen haben und zu einem internationalen bewaffneten Konflikt führten, leben eine viertel millionen Zivilisten in Syrien unter Belagerung - etwa 20.000 von ihnen in Yarmouk“, heißt es in dem Bericht.  Amnesty International verfügt über Informationen zu 194 Zivilisten, die seit Verstärkung der Belagerung, zumeist durch Verhungern und aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung verstorben sind. 

„Amnesty International ruft die syrische Regierung dazu auf, unverzüglich die Belagerung von Yarmouk und anderen zivilen Gebieten aufzuheben und das Feuer und andere Diskriminierungen und direkte Angriffe auf Zivilisten einzustellen und humanitären Organisationen uneingeschränkten Zugang zu verschaffen. Alle Parteien sollten die Rolle von medizinischem Personal respektieren und Angriffe auf medizinisches Personal und humanitäre Helfer unterlassen.“

Stimmen von Augenzeugen aus Yarmouk:

"Es gibt kein Holz, wir verbrennen Möbel und Kleidung, um uns warm zu halten. Die Menschen haben ihr Schlafzimmer, ihre Stühle und Wohnzimmer verbrannt. Wir verbrennen Dinge, die nicht völlig aus Holz bestehen, was zu vielen gesundheitlichen Problemen geführt hat." - Ra'eda.

"Um 7 Uhr morgens gehe ich einen Kilometer, um Wasser für mein Haus zu holen. Normalerweise verbringe ich fünf Stunden am Tag damit, Wasser zu organisieren. Aber ich kann das nur alle fünf Tage tun, da es lediglich alle fünf Tage erhältlich ist." - Aziz, 10 Jahre.

"Viele von uns wünschen sich zu sterben, aber wir können unsere Leben nicht beenden. Wir können nichts tun außer warten, warten auf Godot. Wir warten auf jemanden, der niemals auftauchen wird." - Firaz.

"Meine Tochter hatte eine Temperatur von 40°C. Ich gab ihr eine Spritze, die bereits vor sechs Monaten verfallen ist. Antibiotika sind in Yarmouk schon vor langer Zeit ausgegangen." - Ra'eda.

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