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02.09.2015 13:48

Bischof Dr. Munib Younan: Flüchtlinge verdienen Begleitung, Würde und Menschenrechte

In einem offenen Brief richtet Bischof Dr. Munib Younan angesichts der Flüchtlingskrise einen eindringlichen Appell an die Weltgemeinschaft und alle verantwortungsbereiten Menschen.

In seinem Brief heißt es wörtlich:

„Ich bin selbst ein Flüchtling, wie auch ein Bischof. Sowohl mein Glaube als auch meine Geschichte verpflichten mich, für diese Frauen, Männer und Kinder, die sich an den Stränden waschen, verstorben in LKWs auf der Autobahn aufgefunden wurden, die Grenzen aus Stacheldraht überqueren und kaum in den provisorischen Lagern überleben, zu sprechen. 

In den letzten Wochen sahen wir nicht nur eine Zunahme der Zahl der Flüchtlinge, sondern auch eine Zunahme der tragischen Folgen für viele unter ihnen. Das ist eine äußerst beschämende Situation und eine, die die internationale Gemeinschaft nicht ignorieren kann. Es muss daran erinnert werden, dass Flüchtlinge keine Urlauber sind. Sie haben nicht ihre Häuser verlassen, weil sie ein Abenteuer suchen. Sie werden in Folge von Armut, Gewalt, Terror und politischen Konflikten vertrieben. 

Frustration und Angst führen dazu, dass sie ihr Leben und all ihre Ersparnisse auf der Suche nach sicheren Häfen, wo sie und ihre Familien in Frieden leben können, riskieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese nicht „Wellen“ oder „Horden“ sind, sondern Menschen, die Würde und Respekt verdienen. 

Als Flüchtling und als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land habe ich zwei Botschaften an die führenden Politiker in der Welt:

„Ich glaube, es liegt in der Verantwortung der Weltgemeinschaft, einschließlich der EU, sich um eine transparente Politik gegenüber Fremden bei uns zu bemühen. Ein „Willkommen an die Fremden“ der verschiedenen Glaubensbrüder in Zusammenarbeit mit dem UN-Hochkommissar für Flüchtlinge ist ein guter Schritt, damit zu beginnen und ein gutes Modell, ihm zu folgen. Die meisten religiösen Traditionen in der Welt heißen Fremde willkommen und zeigen ihre Gastfreundschaft allen. (…) 

Alle politischen Führer sind für diese aktuelle Flüchtlingskrise entweder direkt oder indirekt verantwortlich. Das ist das Ergebnis eines globalen Systems, nicht nur einer lokalen Krise. Die Internationale Gemeinschaft hat nicht dazu beigetragen, die Konflikte im Nahen Osten und Nordafrika, einschließlich des palästinensisch-israelischen Konfliktes zu lösen. Wirtschaftliche und politische Interessen haben Vorrang gegenüber Frieden und Dialog. Unsere Region ist so chaotisch geworden, dass sie die Tür den Extremisten und Terroristen öffnet, die Menschen hier werden immer verzweifelter. Der Nahe Osten braucht Gerechtigkeit und Frieden, nicht nur, um den Flüchtlingsstrom zu beenden, sondern so, dass die Vertriebenen wieder in Würde in ihre Häuser zurückkehren und in freien demokratischen Staaten leben können. 


Meine Worte sind hart. Sie können direkt sein. Aber diese humanitäre Krise erfordert noch weitaus stärkere Maßnahmen. Diese Menschen, unsere Brüder und Schwestern, schreien: „Wer wird uns begrüßen? Wo ist die Gerechtigkeit?“ Gott hört die Schreie der Armen, der Unterdrückten und der Flüchtlinge. Ich bete dafür, dass bald auch die politischen Führer und Entscheidungsträger im globalen Norden ihre Schreie hören werden. Das wird erst dann der Fall sein, wenn die Flüchtlingsgemeinschaften nicht mehr nur als Probleme erfasst werden, die zu lösen sind, sondern als Kinder Gottes, die Begleitung, Würde und Menschenrechte verdienen.“

Den Volltext des offenen Briefes finden Sie in englischer Sprache hier. 

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