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13.05.2016 08:58

Die NAKBA - Erinnerung an 68 Jahre Flucht und Vertreibung

Im Laufe der Geschichte hat der errungene Frieden immer wieder dazu geführt, dass die Konfliktparteien sich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Diese notwendige und moralische Entscheidung, sowohl das historische Unrecht zu akzeptieren als auch die Realität der Gegenwart, ist der Schlüssel zur Versöhnung und friedlichen Koexistenz.

Deutschland ist ein Land, das solche mutigen Schritte bereits in der Vergangenheit getan hat und daher diesen Prozess sehr gut kennt. So ist dies beispielsweise auch in Nordirland, Südafrika oder im heutigen Kanada geschehen. Der einzige Weg, sich nach vorn zu bewegen, erfordert auch die Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Historische Fakten dürfen nicht missachtet oder verleugnet werden. Verantwortliches politisches Handeln kann diese unmittelbare Vergangenheit nicht ausblenden. 

So muss es auch in Palästina geschehen. Die Gründung des Staates Israel 1948, von den Israelis als „Unabhängigkeitskrieg“ gefeiert, ging mit einem Massaker an Hunderttausenden von Zivilisten und der Vertreibung von etwa zwei Dritteln der einheimischen palästinensischen Bevölkerung einher. Mehr als 750.000 Palästinenser waren gezwungen zu fliehen. Die überwiegende Mehrheit packte nur wenige Sachen ein und verschlossen danach ihre Häuser. Sie glaubten, bald in ihre Heimat zurückkehren zu können, was aber nicht geschah. Für viele Palästinenser ist der Schlüssel zu ihrem Wohnhaus alles, was ihnen geblieben ist. Heute, fast 70 Jahre später, leben Millionen in Flüchtlingslagern in der Region und werden an der Rückkehr in ihre Heimat gehindert. 

Diejenigen Palästinenser in Israel, die ihre Häuser 1948 nicht verlassen mussten und nun mit ihren Nachkommen in Israel leben, machen rund 20% der israelischen Bevölkerung aus. Auch sie leben in der ständigen Erinnerung an die Vergangenheit und der anhaltenden, täglichen Diskriminierung. Nach Angaben des Adalah-Zentrums für die Rechte arabischer Minderheiten in Israel gibt es aktuell rund 30 Gesetze und Vorschriften im israelischen Parlament (Knesset), die nicht-jüdische Bürger diskriminieren. Ein solches Gesetz, das „Nakba-Gesetz“ untersagt unter Strafandrohung die öffentliche Erinnerung an die Vertreibungen der Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung im Jahr 1948. Für die Palästinenser ist es die Nakba, die Katastrophe; eine Tabuisierung der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart. Denn die Nakba ist eine große, bis heute offen gebliebene Wunde. 

Heute fliehen wieder viele Menschen vor Krieg und Gewalt aus der Region. Sie wollen ihr Leben und das ihrer Familien retten. Unter ihnen sind auch viele palästinensische Familien, die teilweise zum wiederholten Mal vor Krieg und Gewalt flüchten. Die Menschen in Deutschland sind sensibilisiert. Die Frage, was die Migrationserfahrung der Nachkriegszeit sie gelehrt hat, wird in Deutschland gestellt. Aber auch die nach der kulturellen Identität und Zugehörigkeit, das Trauern um die verlorene Heimat und die Benennung des widerfahrenen Unrechts sind wichtige Schritte, die wir Palästinenser aus eigener Erfahrung kennen. 

Um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu erreichen, muss die israelische Regierung die Vergangenheit anerkennen und die Realität der Gegenwart akzeptieren. Das ist eine historische Verantwortung und nach dem internationalen Völkerrecht eine Verpflichtung. Auch Israel muss die Rechte des palästinensischen Volkes, das so lange in Israel, im besetzten Palästina und in der Diaspora ausharrte, anerkennen. 

Dr. Khouloud Daibes
Botschafterin

15. Mai 2016


NAKBA-Broschüre der PLO-Verhandlungsabteilung

In Erinnerung an die Nakba veröffentlichte die PLO-Verhandlungsabteilung 2013 die englischsprachige Broschüre „Nakba- die unbekannte Geschichte einer kulturellen Katastrophe“. Sie liegt jetzt auch in deutscher Sprache vor. Unser Dank geht an die PLO-Verhandlungsabteilung. Die Broschüre gibt einen Einblick in das Leben der Palästinenser und ihre Gesellschaft vor 1948. Es soll an das reiche und bunte Leben in dieser Periode der Geschichte Palästinas erinnert werden. Sie wird von Palästinensern niemals vergessen werden. Zugleich muss sie von Israelis anerkannt werden, wenn wir jemals zu einem Prozess der Versöhnung und Vergebung bereit sind.

Die Broschüre liegt als Print-Ausgabe vor. Die pdf-Version erhalten Sie im Dokument am Ende dieser Seite.

NAKBA-Veranstaltung mit Ayham Ahmed

Am 24. Mai lädt die Palästinensische Mission anlässlich des jährlichen Gedenktages der NAKBA zu einem Abend mit dem syrisch-palästinensischen Pianisten Ayham Ahmed ein. 

Die Einladung zur Veranstaltung mit allen Informationen erhalten Sie in deutscher und arabischer Sprache hier.


Dateien:
Nakba_Broschüre.pdf6.3 M

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