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18.05.2017 09:30

Die Quadratur des Kreises: 4000 Jahre in zwei Wochen

Wandern auf dem palästinensischen Abrahamspfad – ein Experiment

Soll das ein Scherz sein? Der Local Guide biegt unvermittelt von dem kleinen, staubigen Wüstenweg ab und steuert geradewegs auf ein mächtiges Geröll- und Gesteinsmassiv zu. Ungläubige Blicke bohren sich in seinen Rücken. Was ihn nicht anficht, denn er beginnt ungerührt, einer Bergziege gleich und nur mit leichten Stoffschuhen bestückt, zwischen den Felsen entlang zu hüpfen. Verunsichert nehmen wir die Verfolgung auf. Kein Zweifel. Der Local Guide muss den Verstand verloren haben. Zumindest aber die Orientierung. Doch als unsere latente Vermutung sich gerade zur Gewissheit mausern will, leuchtet es uns von einem der Gesteinsblöcke entgegen: das Logo vom Abrahamspfad. Kein Scherz!

 „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“, formuliert einst der Schriftsteller Franz Kafka und fast könnte man meinen, er kommentiere damit prophetisch den palästinensischen Abrahamspfad. 

Denn dieser wurde von einer Nichtregierungs-Organisation eingerichtet und ist tatsächlich noch im Entstehen und Werden. Doch schon bald soll er den Weg des Erzvaters Abraham quer durch den Nahen Osten nachzeichnen: über die Türkei, Syrien und Jordanien bis in die Palästinensergebiete und nach Israel. Grenzüberschreitend will er dann Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und Kulturen zusammenbringen und so zu Versöhnung, Völkerverständigung und Frieden beitragen. Eine Vision, die zur Zeit aufgrund der Kriege im Irak und Syrien nicht möglich ist, wohl aber gangbar in Palästina. 

Für meinen Kollegen Dr. Ulrich Kmiecik (Referat Bibelpastoral) und mich (Projektstelle Suchendenpastoral) eine willkommene Herausforderung, einen Aufbruch aus altbekannten Strukturen zu wagen, ein Angebot zu entwickeln für Leute, die Religion nicht nur in der Kirche suchen und Lust haben, mal ganz anders zu reisen. 

So suchen wir uns unsere Reisegefährten nicht über die klassischen binnenkirchlichen Kanäle, sondern schalten Anzeigen in verschiedenen Berliner Stadtmagazinen und Kulturzeitschriften, lassen Tausende von DINAMIX Cards drucken und in Lokalen, Kinos und Museen auslegen, bewerben unser Projekt auf der Internationalen Tourismusbörse in den Berliner Messehallen und veranstalten einen ersten Informationsabend für Interessierte in einem arabischen Restaurant in Berlin-Mitte. Am Ende sind wir ein kunterbuntes Grüppchen im Alter von 44 bis 75 Jahren aus unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, dass sich im Frühsommer ein Wochenende lang im Elbsandsteingebirge versammelt, um sich kennenzulernen, in das Thema der Reise einzustimmen und –ganz wichtig!- eine 20km- Wanderung zu absolvieren, quasi als „Trainingslager“ für die kommenden Strapazen. Und dann wird’s ernst!

Vier Bausteine sind es, die unser Palästina Projekt ausmachen, zu dem wir Mitte Oktober aufbrechen: 

1. Wanderungen 

2. Begegnungen mit Menschen im Land und das Kennenlernen von Projekten 

3. Touristische Highlights 

4. Roter Faden: Abraham 

Aber nun mal der Reihe nach: 

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, meint Johann Wolfgang von Goethe und tatsächlich sind es bei uns rund 100 km, die wir auf diese Weise erobern. Und dabei geht es zuweilen über Stock und Stein, Klippen und Berge, durch’s fruchtbare Hochland und die Ebenen des Jordantals, durch Klamm und Canyon, Valleys und Wüsten. Die Etappen liegen zwischen 8 und 18 km und dauern zwischen 3 und 7 Stunden. Sie werden zuweilen schweigend, oftmals staunend, gerne auch im Austausch miteinander gewandert. Und das fast durchgehend bei Temperaturen um die 35°C und knalliger Sonne. Diese Strapazen haben natürlich Auswirkung auf Mensch und Material und so sind es gleich mehrere Teilnehmer, die nach unserer Ankunft in Betlehem in den schmalen Gassen verschwinden, um den dortigen Schuhmachern ihre Treter mit aufgeplatzten Nähten, sich lösenden Sohlen und sonstigen Verschleißerscheinungen anzuvertrauen. Doch nach einem 24-stündigen stationären Aufenthalt sind die Wanderstiefel wieder fit wie ein Turnschuh und den noch ausstehenden Wanderungen steht nichts mehr im Wege.

Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die das Leben lebenswert machen“ (Guy de Maupassant) – und wenn der französische Schriftsteller recht hat, war unser Lebenswert in diesen zwei Wochen kaum zu toppen. Viele Gespräche, Besuche von Projekten und Einrichtungen, Kontakte „en passant“ und nicht zuletzt unsere Übernachtungen in palästinensischen Familien in Duma und einem Beduinencamp in Ain Auja ermöglichen uns, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und einen realistischen, zuweilen ernüchternden Eindruck vom Leben in Palästina zu bekommen: 

Dass es in dieser Region auffallend viele genetische Krankheiten gebe infolge der Tradition, innerfamiliär zu heiraten, erfahren wir bei unseren Besuchen im Caritas-Baby-Hospital Bethlehem und den 

Behindertenwerkstätten „Lifegate“ in Bet Jala. Außerdem macht uns Basis Qonquer, Pressesprecher des Caritas-Baby-Hospitals, auf ein besonderes Problem aufmerksam: die Vermischung von Kultur und Religion. „Wir sind Palästinenser, denn wir sind hier geboren. Wir sind Christen, denn das ist unsere Religion. Und wir sind Araber, denn das ist unsere Kultur“. 

In Palästina einen guten Job finden? Schwierig bis aussichtslos! Deshalb müsse man Fremdsprachen beherrschen und ins Ausland gehen, erzählen uns sowohl Studenten der Uni Nablus, als auch Maurice Younan, Gründer eines Schulprojektes in Hebron. Aber: „Gehen junge Leute in die Nachbarländer, sind sie nicht gern gesehen, da sie Palästinenser sind. Bleiben sie, müssen sie als Christen ein Leben als Minderheit führen. Denn in der Westbank gibt es nur 2% Christen“, macht uns Elias Awad, Direktor des deutsch-palästinensischen Vereins „Christen helfen Christen“ auf ein weiteres Problem aufmerksam. 

„Wir weigern uns, Feinde zu sein!“ steht als Motto am Eingang von Daher’s Weinberg, einem Grundstück, dass seit vielen Jahren von Enteignung bedroht ist. Das dort initiierte Projekt „Tent of Nations“ will das verhindern, indem dort ein Ort der Begegnung zwischen jungen Einheimischen und internationalen Jugendlichen geschaffen wurde, der Völkerverständigung und Frieden fördern soll. Ihre Arbeit in der Landwirtschaft wird von jüdischen Siedlern behindert, sabotiert und bedroht, der Strom- und Wasseranschluss schon vor Jahren gekappt, der Zuweg zum Gelände bereits 2001 gesperrt. Seit 25 Jahren klagt die Familie vor israelischen Gerichten gegen mittlerweile über 20 Abrissbefehle. Und dennoch: „Auch wenn wir hinfallen: Wir haben gelernt wieder aufzustehen“, gibt uns Daoud Naher mit auf den Weg. 

Sehr beklemmend auch der Besuch einer Familie, deren Haus direkt an der Grenze zwischen dem Westjordanland und Israel steht und von der 8m hohen Mauer umgeben ist. Es liegt in der Zone C, d.h. unter alleiniger israelischer Verwaltung. Immer wieder stehen Soldaten im Wohn-und Schlafzimmer der Familie und notwendige Reparaturarbeiten am Dach des Hauses werden von der israelischen Armee, die dort ihr Basislager eingerichtet hat, nicht genehmigt. 

Von Brandanschlägen auf die Kirche, Friedhofsschändung, Graffitis „Tod den Christen“, samstäglichen Demos unter der Parole „Israel den Juden, alle Nichtjuden raus!“, vielen Tätlichkeiten gegen christliche Pilger und der Erfahrung, täglich angespuckt zu werden, hören wir in unserem Gespräch in der Dormitio Abbey in Jerusalem. „Ein Jahr Leben in Jerusalem ist wie zwei Leben anderswo", bringt es P. Nikodemus auf den Punkt.

"Sehenswürdigkeiten sind Dinge, die man gesehen haben muss, weil andere sie auch gesehen haben.“ (Hans Söhnker) 

Kreuzfahrerkirche, St. Georgskloster, Palastanlage des König Herodes, Geburtsgrotte und Garten Getsemani, … - alles gesehen und für beeindruckend befunden. Aber was unseren Herzschlag wirklich in die Höhe treibt, ist der Besuch des Tempelbergs, auf dessen Plateau die beiden muslimischen Gotteshäuser Al Aqsa-Moschee und Felsendom stehen. In aller Frühe hatten wir uns am Kontrolleingang angestellt, direkt hinter einer Gruppe orthodoxer Juden, die -entgegen der Regeln am drittwichtigsten Ort des Islam- singen und tanzen und mit großen Zweigen rumwedeln. Doch alles geht gut: Drehkreuz, Sicherheitsschleuse, Rucksack-Check und dann stehen wir tatsächlich auf der Holzstelzenkonstruktion, die zum „Al-Haram asch-scharif“ hinaufführt. Quasi ein Logenplatz, der einen fulminanten Ausblick auf den Platz an der Klagemauer freigibt, denn der ist an diesem Morgen nahezu überfüllt. Schließlich ist Laubhüttenfest. Überall in der Stadt kommen wir an Laubhütten unterschiedlichster Machart vorbei. 

Das „Tempelberg-Syndrom“ (Anspannung, erhöhte Herzfrequenz) ereilt uns noch einmal einige Tage später, denn auf unserem Programm steht der Besuch Hebrons, das mit seinen Gräbern der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob Juden, Muslimen und Christen gleichermaßen als heilig gilt. Darüber hinaus ist Hebron zweifelsohne einer der explosivsten Orte, wenn es um die Absurditäten des Nahostkonfliktes geht. Über 100 Checkpoints gibt es, streng bewacht, dazu Mauern, Zäune und Straßensperren, 5000 Soldaten kontrollieren die Stadt. Es ist die einzige Stadt im Westjordanland mit einer jüdischen Siedlung mitten im Zentrum. 

Die Straßen der Altstadt, durch die wir gehen, sind menschenleer, die Läden verrammelt, die Türen der Wohnhäuser versiegelt: eine Geisterstadt. Bereits nach wenigen Metern werden wir von bewaffneten Soldaten kontrolliert und müssen unsere Pässe vorzeigen. Kurz darauf, beim Besuch der Synagoge mit der Grablege Jakobs, Leas und Josephs, werden wir wieder ausgebremst: Unser Tour-Guide Wajih, arabischer Christ mit israelischer Staatsbürgerschaft, darf nicht mit rein. Neue Verordnung! Muss man aber nicht verstehen.

Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.“ (Gen 22,10) 

Keine Frage: die Auseinandersetzung mit Abraham, dem Stammvater der drei Weltreligionen, ist kein Ponyhof. Schließlich haben wir es da mit einem Gott fernab jeder Kuscheligkeit zu tun. Das fordert uns heraus. 

Dennoch – oder gerade deshalb?!- begleitet uns Abraham beständig auf unserer Tour in Form von entsprechenden Bibeltexten und Impulsen. Seine Frauengeschichten und Vater-Qualitäten, sein Erziehungsstil und Lebenswandel, sein Gottesbild und seine Träume sorgen immer wieder für hitzige Diskussionen. 

Vor etwa 4 Jahrtausenden ist Abraham von Ur am Euphrat in Mesopotamien flussaufwärts nach Haran und anschließend nach Kanaan gewandert, wo er in Hebron sesshaft wird. Sagt jedenfalls die Bibel. Zumindest auf dem palästinensischen Streckenabschnitt heften wir uns an seine Fersen, wenn wir von Sebastia, dem alten Samaria nach Nablus, dem biblischen Sichem, wandern und von dort weiter über Duma, Ain Auja, Jericho nach Nabi Mussa (wo Mose begraben sein soll) und Mar Saba, dem Wüstenkloster, in dem im 8. Jahrhundert auch Johannes von Damaskus gelebt haben soll. Und schließlich über Jerusalem und Bethlehem nach Hebron, wo Abraham dem Hetiter Efron das Grundstück für das Begräbnis seiner Familie abgekauft hat.

Wenn du denkst: Abenteuer sind gefährlich, versuch’s mal mit Routine. Die ist tödlich!“ (Paulo Coelho) 

Da hilft dann nur ein wirksames Gegengift: Horizonterweiterung! Wir haben das Mittel auf unserer Wandertour ausprobiert und können nun sagen: richtig dosiert ist es sehr gut verträglich und benutzerfreundlich, wenn auch nicht frei von Nebenwirkungen. Denn es macht Lust auf mehr! 

Wir geben unsere Erfahrungen mit dieser Wandertour gerne an andere kirchliche Akteure weiter, deshalb: 

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie www.abrahampath.org und fragen Sie 

Dr. Ulrich Kmiecik, Referat Bibelpastoral, 

Ahornallee 33, 14 050 Berlin, ulrich.kmiecik@erzbistumberlin.de, 

Tel.: 030 / 204 54 83-34; mobil: 0160/ 96 48 98 62 

oder 

Carla Böhnstedt, Projektstelle Suchendenpastoral, 

Greifswalder Straße 17, 10 405 Berlin, carla.boehnstedt@erzbistumberlin.de, 

Tel.: 030 / 31 98 67-18; mobil: 0151/ 40 09 24 39.

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