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25.10.2019 13:12

Das Weltkulturerbe ist nicht mehr gefährdet

Der nachfolgende Beitrag von Botschafterin Dr. Daibes erschien im Schneller-Magazin 3/2019, herausgegeben vom Evangelischen Verein für die Schneller-Schulen e.V.

Restaurierung eines Fußbodenmosaiks

Über die Restaurierung der Geburtskirche in Bethlehem

Nach mehr als 500 Jahren ist die Geburtskirche in Bethlehem wieder grundlegend restauriert worden. Und manch Erstaunliches wurde dabei entdeckt.

Die Geburtskirche in Bethlehem ist eine Stätte, die mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Welt heilig ist, auf welche das palästinensische Volk sehr stolz ist und deren Schutz es sehr ernst nimmt. Die Geburtskirche geht auf das vierte Jahrhundert zurück und ist eine der ersten christlichen Kirchen, die am Geburtsort Jesu Christi gebaut wurde. Ab dem Mittelalter entwickelte sich die Kirche zu einem außergewöhnlichen Ensemble aus verschiedenen Bauten, über das die Griechisch-orthodoxe, die Römisch-katholische und die Armenisch-apostolische Kirchen die Eigentumsrechte und Aufsicht haben. Sie unterliegen den Bestimmungen des Status Quo der Heiligen Stätten, die im Vertrag von Berlin (1878) festgehalten sind. Die Bausubstanz der Kirche hat allerdings im Lauf der Zeit stark gelitten, wobei das Dach in den letzten Jahren besonders gefährdet war. 

2008 wurde mit dem Segen der drei Kirchen ein Präsidialdekret für die Durchführung eines wissenschaftlichen Restaurierungsprogramms der Kirche erlassen. Es sollte die erste größere Restaurierung seit 1479 werden. Aus dem palästinensischen Staatshaushalt wurden Mittel bereitgestellt für eine genaue Begutachtung und einen Restaurierungsplan. Nach einer internationalen Ausschreibung im August 2009 ging der Auftrag an ein Konsortium italienischer Universitäten, Forschungszentren und internationaler Experten, die vor Ort von einem Palästinensischen Architekturbüro unterstützt wurden. Nachdem im Februar 2011 die Gutachten abgeschlossen und der Restaurierungsplan erstellt waren, machte sich das Präsidial-Komitee daran, die für die erste Phase (Sicherung des Dachs) notwendigen Mittel einzuwerben. 2012 erklärte die UNESCO die Geburts- und Wallfahrtskirche zum Weltkulturerbe und setzte es gleichzeitig wegen der großen Dachschäden auf die Liste der gefährdeten Weltkulturgüter. 

Die Restaurierungsarbeiten des Daches begannen im September 2013 und dauern noch an. Mittlerweile wurden sie um die Instandsetzung der Außenmauern, der Innenputz, die Wand- und Bodenmosaike, der Holzarchitrav, die Säulen und die Kapitelle erweitert. Der Restaurierungsprozess war zwangsläufig langwierig und komplex, wobei sorgfältig darauf geachtet wurde, dass alle Arbeiten gemäß den internationalen Statuten von ICOMOS (Internationaler Rat für Denkmalschutz) und UNESCO nach den höchsten Standards ausgeführt werden. 

Es gab viele Herausforderungen: Die Arbeit zwischen drei verschiedenen Kustoden musste koordiniert, das geeignete Material beschafft, die richtigen Fachkräfte gefunden werden und die Kirche sollte für Gebete und Pilger immer offenbleiben. Außerdem mussten die nötigen Spenden gesammelt werden.  
Als Leitfaden in allen Phasen diente aber das übergeordnete Ziel: die Einzigartigkeit und den herausragenden Wert der Kirche als eine der ältesten, kontinuierlich genutzten Kirchen der Welt zu respektieren, zu erhalten und an zukünftige Generationen weiterzugeben. Es gab auch einige erfreuliche Überraschungen, die für mich als ausgebildete Architektin und Denkmalpflegerin zu persönlichen Höhepunkten wurden: Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem das Team das Mosaik eines Engels an einer der Wände freilegte oder kürzlich ein uraltes Taufbecken entdeckte. 
 
Neben dem palästinensischen Staat haben mehrere Organisationen und eine Reihe von Personen aus Palästina und der Diaspora großzügige Spenden für dieses Projekt geleistet sowie Regierungen, Kirchen und Organisationen aus der ganzen Welt. Im Juli dieses Jahres wurde die Kirche offiziell von der Liste der gefährdeten Stätten des Weltkulturerbes genommen und damit die fachliche Qualität der umfangreichen Restaurierungsarbeiten gewürdigt. Eine letzte Etappe umfasst die Installation von Feuerlösch- und Mikroklimasystemen, die Konsolidierung gegen Erdbeben, vor allem die Restaurierung der Geburtsgrotte, der heiligste Ort in der Kirche.

Heute, zwei Jahrtausende nach Christi Geburt, ist die Geburtskirche nach wie ein zentraler Punkt in Bethlehem und Ausdruck der tiefen Verbundenheit, die wir mit unseren heiligen Stätten und unserem kulturellen Erbe haben. Christliche Palästinenser werden oft als „lebendige Steine“ bezeichnet. Man spürt dies an einem Sommertag auf dem Platz vor der Geburtskirche: Er ist ein Ort zum sich Treffen, zum Erzählen, Brotbrechen, Einkaufen, wo Palästinenser aller Glaubensrichtungen, Besucher, Touristen und Pilger aus aller Welt zusammenkommen. Zu der Restaurierung dieser heiligen Stätte haben viele beigetragen. Ihnen allen sind wir zutiefst dankbar.  
 
Dr. Khouloud Daibes ist Botschafterin Palästinas in Berlin. Die studierte Architektin und Denkmalpflegerin ist Mitglied im Präsidial-Komitee zur Restaurierung der Geburtskirche. Von 2007 bis 2012 war sie Ministerin für Tourismus und Altertümer und von 2007 bis 2009 zusätzlich Frauenministerin in Palästina.  

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