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19.12.2019 10:28

Weihnachtsbrief von Dr. Khouloud Daibes

Werte Leser und Leserinnen,   es ist Dezember geworden und am Vorabend des Weihnachtsfestes wende ich mich wie gewohnt mit einem Brief an Sie.

Motiv der diesjährigen Weihnachtskarte der Palästinensischen Mission

Besonders jetzt geht es mir, wie so vielen Menschen um den Moment der Ruhe und des Innehaltens. Mein Blick fällt auf die Ereignisse der vergangenen Monate zurück. Das Ende eines jeden Jahres bietet im Licht der Weihnacht aber auch die Gelegenheit zu einem Ausblick: Was gab es an Lichtblicken, was an Schattenseiten? Was dürfen wir künftig erwarten?
 
Das vergangene Jahr hat für das palästinensische Volk vor allem eine bittere Erkenntnis gebracht: Trotz internationaler Verurteilungen der unilateralen Schritte der US-Regierung und israelischen Maßnahmen entgegen dem Völkerrecht sowie der Verschlechterung der Lage blieb es bei verbalen Erklärungen. Dies gilt ganz besonders für die Heilige Stadt Jerusalem, die wieder im Mittelpunkt des politischen Konfliktes stand. Als Motiv für unsere diesjährige Weihnachtskarte gewählt erinnert sie uns daran, dass ihr Status akut bedroht ist. Die US-Entscheidung, die israelischen Siedlungen in der besetzten Westbank nicht länger als völkerrechtswidrig anzusehen, bestärkte die israelische Regierung weiter, mit ihrer völkerrechtswidrigen Besatzungs- und Besiedlungspolitik fortzufahren. Wir sind von dem langersehnten Frieden weiter entfernt als je zuvor.  
 
Schon seit vielen Jahren stagniert der Friedensprozess. Die Erkenntnis, dass kein Friedensplan ohne palästinensische Präsenz und Zustimmung erfolgreich sein wird, hat inzwischen auch die US-Regierung erreicht. Was dringend fehlt ist ein konstruktives und verantwortungsvolles Engagement der Internationalen Gemeinschaft auf Grundlage des Völkerrechts. Das haben wir immer wieder gefordert und vor den Auswirkungen des Ausbleibens, das in einen unkontrollierbaren Flächenbrand münden kann, gewarnt.  
 
Mit Erwartung haben wir auf die Wahlen in Israel geblickt und Hoffnung gehabt. Doch die Mehrheit der israelischen Wähler hat Kandidaten gewählt, die sich dazu verpflichtet haben, den Status Quo der Unterdrückung, Besatzung, Besiedlung, Annexion und Enteignung in Palästinas zu verfestigen. Sie haben NEIN zum Frieden und JA zur Besatzung gesagt. Nur 18 von 120 gewählten Abgeordneten haben sich überhaupt dazu bereit erklärt, die international gestützte Zwei-Staaten-Lösung mitzutragen. Im Gaza-Streifen leiden die Menschen schon seit mehr als einem Jahrzehnt große Not, die zu einer dauerhaften humanitären Krise angewachsen ist – unter den Augen der Weltöffentlichkeit eine unerträgliche Situation.  
 
Mit großer Sorge blicke ich auf die Entscheidung des Bundestags im Sommer zurück. Palästinenser, Deutsche und Israelis der gewaltfreien, temporär angelegten BDS-Kampagne wurden mit dem Bundestagsbeschluss als antisemitisch diffamiert. Jegliche Diskussion zur Besatzungspolitik Israels politisch zu unterbinden, ist ein schwerer und gefährlicher Eingriff in die demokratischen Grundrechte einer freien und engagierten Zivilgesellschaft. Ich fühle mit all jenen, die dadurch öffentlich diffamiert werden und deren Arbeit in unerträglichem Maße eingeschränkt wird. Und ich teile Ihre Sorgen um die Grundwerte des Glaubens, um Demokratie, Pluralität, Rechtsstaatlichkeit, auch um die Glaubwürdigkeit internationaler Rechtssysteme.  
 
Doch gibt es auch Ereignisse, die mich froh gestimmt haben. In meiner Heimat Palästina stehen die Geburtskirche und der Pilgerweg in Bethlehem nicht länger auf der Liste der gefährdeten Welterbestätten. In Deutschland folgte den deutsch-palästinensischen Konsultationen im Februar der Deutschlandbesuch von Präsident Mahmoud Abbas im Sommer. Wir sind dankbar für die Unterstützung der Bundesregierung, insb. für die unverzichtbare Arbeit der UNRWA, aber ebenso auch all jenen, die in Solidarität und Mitgefühl zu uns stehen und uns immer wieder zu verstehen gegeben haben, dass wir Palästinenser in unserem Ziel, in Frieden und Würde zu leben, nicht allein sind. Danke an dieser Stelle für alle Briefe, die mich in diesem Jahr erreicht haben. Danke für alle Zeichen der Verbundenheit. Sie tun gut und geben uns allen Kraft und Zuversicht.  
 
Die ganze Welt blickt in diesen Tagen besonders nach Bethlehem. So stimmen sich auch die Menschen in Palästina auf die bevorstehende Weihnacht ein. Doch die friedliche Stimmung trügt: Die Situation vor Ort wird zunehmend auch für die christlichen Gemeinden immer schwieriger. So werden in diesem Jahr die Weihnachtsfeierlichkeiten ohne die im Gaza-Streifen lebenden Christen stattfinden. Ihnen hat die israelische Regierung die Reiseerlaubnis verwehrt.  
 
Der Stern von Bethlehem leuchtet heute hell. Mit der Geburt Jesus in Bethlehem ging die Sonne der Gerechtigkeit auf. In ihrem Schein setzen wir uns trotz aller Rückschläge für die Bewahrung der wertvollen Grundwerte unserer Welt ein. Jede schwierige politische Situation birgt auch die Chance für etwas Neues und so blicken wir hoffnungsvoll auf das kommende Jahr.    
 
Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes, friedliches neues Jahr.
 
 
Ihre Dr. Khouloud Daibes
Botschafterin  

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